Im Zeichen der Aufklärung

12.02.2018: Am 12. Februar ist der internationale Tag der Epilepsie. Im Mittelpunkt steht dann eine der häufigsten schweren neurologischen Erkrankungen weltweit, bei der sich viele Neuronen gleichzeitig im Gehirn entladen. Die Folge sind epileptische Anfälle, die in jedem Lebensalter auftreten können. Am häufigsten sind jedoch Kinder und Jugendliche bis zum 20. Lebensjahr betroffen. „In unserem städtischen Krankenhaus haben wir mit unserer Leiterin der größten Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde in Vorarlberg eine hervorragende Ärztin und Spezialistin auf diesem Gebiet“, so Bürgermeisterin Dipl.-Vw. Andrea Kaufmann. Priv.-Doz. Dr. Edda Haberlandt ist Neuropädiaterin und Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Epileptologie. Neben medizinischen Themen wie die Herausforderungen in der Versorgung, Fortschritte in der Therapie sowie die Bedeutung grenzüberschreitender Zusammenarbeit ist ihr auch der soziale Aspekt wichtig, denn für die Betroffenen ist die Ausgrenzung oft schlimmer, als die Krankheit selbst.

Eine EEG-Untersuchung im städtischen Krankenhaus.

Priv.Doz. Dr. Edda Haberlandt, Leiterin der größten Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde in Vorarlberg und Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Epileptologie

Primaria Haberlandt, wenn wir von Epilepsie reden, wie viele Menschen sind betroffen?
In Österreich gehen wir von bis zu 80.000 Betroffenen aus, zu denen jährlich etwa 3.000 Neuerkrankungen dazukommen. In Vorarlberg sind es rund 450 Patientinnen und Patienten. Erfreulicherweise können wir heute bei bis zu zwei Dritteln mit der richtigen Diagnostik und Therapie eine Anfallsfreiheit erreichen.

Wie viele davon sind Kinder?
Zwei Drittel aller Epilepsien treten bis zum 20. Lebensjahr auf. Dabei ist in den ersten fünf Lebensjahren das Risiko besonders hoch. Von 1000 Kindern in Vorarlberg sind drei bis sechs Kinder betroffen. Derzeit sind es zwischen 40 und 50 Neuerkrankungen pro Jahr.

Was sind die typischen Anzeichen eines Krampfanfalls?
Die klinische Symptomatik eines epileptischen Anfalls kann sehr unterschiedlich sein. Nicht immer kommt es dabei zu den uns bekannten Krämpfen, Zuckungen oder Bewusstseinsverlust. So können epileptische Anfälle auch nur Gefühls-, Bewusstseins- und Verhaltensstörungen bewirken, die ohne Muskelzuckungen einher gehen. Es sind aber auch Muskelzuckungen bis hin zum „Grand Mal“-Anfall möglich, bei denen die Person am Boden liegt und am ganzen Körper krampft. Anfälle können von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten dauern.

Welche Merkmale gibt es noch?
Manche Patientinnen und Patienten nesteln zum Beispiel wenige Augenblicke auffällig an einem Kleidungsstück, schlucken und schmatzen. Andere erscheinen über eine gewisse Zeit wie weggetreten.

Wann sollten Eltern einen Arzt aufsuchen?
Wenn wiederholte „Aussetzer“ beim Kind beobachtet werden oder auffällige Zuckungen mit Wesensveränderungen auftreten. Prinzipiell ist es für den Arzt sehr hilfreich, wenn die verdächtigen Phänomene von den Eltern gefilmt werden. Ein Video ist für den Arzt wesentlich aussagekräftiger als die mündliche Beschreibung.

Welche Ursachen kann eine Epilepsie haben?

Sie können vielfältig sein. Es gibt auch Familien, in denen eine gewisse Neigung des Gehirns für Krampfanfälle vererbt wird. Zusätzlich kann eine Epilepsie durch Schädigung des Hirngewebes bei der Geburt entstehen. Auch eine Hirnentzündung, angeborene Stoffwechselstörungen, Hirnblutungen, Tumore oder Unfälle, bei denen das Gehirn verletzt wird, können dazu beitragen. In nur 50 Prozent der Fälle findet man eine Ursache.

Wie wird Epilepsie bei Kindern diagnostiziert?
Zum Beispiel durch das Auftreten von zwei unprovozierten Anfällen im Mindestabstand von 24 Stunden. Wesentlich ist der Beweis, dass wirklich epileptische Anfälle aufgetreten sind und nicht eine andere Differentialdiagnose vorliegt. Zum Beispiel Synkope, Affektkrämpfe oder gastroösophagealer Reflux. Deshalb ist unbedingt eine EEG-Untersuchung, am besten mit Wach- und Schlafphasen, notwendig. Auch eine cerebrale MRT-Untersuchung, die wir bei uns in Dornbirn seit 2016 durchführen, ist früher oder später sinnvoll.

Wie kann man Epilepsie behandeln?

Grundsätzlich versucht man, die Epilepsie mit einem Medikament zu behandeln. Dann spricht man von einer Monotherapie. Die meisten Epilepsiekranken können durch eine richtig gewählte Behandlung ein Leben ohne Anfälle führen. Wenn das nicht ausreicht, sind Kombinationstherapien erforderlich. Was hat es mit der ketogener Diät auf sich? Die ketogene Diät ist eine sehr hilfreiche kohlenhydratlimitierte, protein- und energiebilanzierte und deshalb fettreiche Form der diätetischen Ernährung, die den Fastenstoffwechsel imitiert. In dieser Ernährungsform bezieht der Körper seinen Energiebedarf nur noch aus Fett und daraus im Körper entstehenden Glukoseersatz (Ketonkörper). Die Ketonkörper decken dann den Energiebedarf des Gehirns und des gesamten Körpers. Somit befindet sich der Körper in einer sogenannten Ketose. Eine ketogene Diät eignet sich als Therapieform bei Kindern mit therapieresistenter Epilepsie, Glukosetransporterstörung und Pyruvatdehydrogenasemangel. Sie wird individuell berechnet und ärztlich gemeinsam mit einer Diätassistentin überwacht.

Ist Epilepsie heilbar?
Medikamente unterdrücken die Anfälle, beseitigen aber die Ursache nicht. Im Kleinkindalter sind zahlreiche Epilepsien durch eine Unreife des Gehirns bedingt und die Therapie kann nach zwei bis drei Jahren Anfallsfreiheit abgesetzt werden. Bei manchen symptomatischen Epilepsien ist eine Behandlung der Ursache und damit eine eigentliche Heilung der Epilepsie möglich. Zum Beispiel kann ein gutartiger Hirntumor entfernt oder eine ursächliche Stoffwechselstörung behandelt werden. Ihnen als Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Epileptologie ist Aufklärung besonders wichtig.

Wo ist der größte Handlungsbedarf?
Aufklärung über Epilepsie ist notwendig. Gerade an Schulen ist hier aus ärztlicher Sicht ein Austausch notwendig. Dazu haben wir eine Informationskampagne gestartet, wie Betroffene vor Verletzungen geschützt werden können und wann Notfallmedikamente verabreicht werden müssen. So können Betroffene – und hier reden wir österreichweit von 5.000 bis 6.000 Schulkindern mit Epilepsie – ein möglichst normales Leben führen.